Hagenreisstab
Kriegszerstörung, Wiederaufbau und „einige Modernisierungen“:

Hagen reißt ab!
von Klaus HIrschberg - 20.06.2026
 

Darf man jemanden, zumal im fortgeschrittenen Alter, fragen: „Bist du schön?“ 

Wenn es sich um die 275 Jahre alte Stadt Hagen handelt, ist diese Frage häufig gestellt und vielfach beantwortet worden. Schön, sagen die meisten Hagenerinnen, ist ihre Stadt nur dort, wo die Natur das Bild im äußeren Stadtgebiet prägt.

Nach den verheerenden Folgen der Kriegsbombardierungen stand die Stadt städtebaulich an einem Wendepunkt. Die Bilder von der Trümmerbeseitigung blieben  im kollektiven Gedächtnis haften. 

Hagen baut auf!

So der Titel eines 1964 von der Stadt herausgegebenen opulenten Bildbandes.

Bereits 1964 – viel schneller als in fast allen anderen deutschen Großstädten – verkünden Oberbürgermeister Steinhoff und Oberstadtdirektor Steinbeck stolz:

„Der Wiederaufbau ist abgeschlossen! … Nichts erinnert mehr daran, dass die Innenstadt völlig in Schutt und Asche lag … Der Aufbauwille der Hagener Bevölkerung schuf ein neuzeitliches Hagen, das mit breiten Straßen, modernen Schulen, großzügigen sozialen Einrichtungen, vielen großen Geschäftsbauten und weiträumig angelegten Wohnsiedlungen den Weg in die Zukunft weist.“
 

Der Mythos des Wiederaufbaus

Rückblickend müssen wir uns wohl von einem Mythos verabschieden: Die von vielen Hagenern verinnerlichte Erzählung, das heutige Hagener Stadtbild sei aus den Kriegszerstörungen und dem dringenden Bedarf an Wohnraum entstanden, ist nur ein Teil der Wahrheit. Der Wiederaufbau erfolgte konsequent „nach einem städtebaulichen Leitgedanken“. Diese Pläne erforderten einen radikalen Abriss von alter Bausubstanz.

Das war fester Bestandteil von europaweit geteilten Planungszielen und -praktiken, auch wenn in einigen Städten darüber heftige Kontroversen zwischen Modernisten und Traditionalisten ausgetragen wurden. In Hagen nicht. Ein Hagener Chronist schreibt:

„Es herrschte hier ein fataler Abbruchgeist … Nicht mal der Jugendstil war tabu. Der Baukunst der Gründerjahre, die heute die besondere Liebe des Denkmalschutzes auf sich zieht, galt sogar unmissverständliche Verachtung.“

Ernüchternd ist dabei die Feststellung, dass viele kleinere Städte, die heute stolz auf ihre historische Altstadt sind, dies bloß der Tatsache verdanken haben, dass sie damals nicht das Geld hatten, bereits geplante Bausünden zu begehen. 

Hagen hatte das Geld. Es gehörte nach dem Krieg zu den reichsten Städten in NRW, stellte den Ministerpräsidenten Innenminister, Justizminister, Bundes- und Landtagsabgeordnete und einflussreiche Gewerkschafter.

Stadtforscher verweisen exemplarisch auf die Stadt Hannover, wo es gelang,

„dem Zeitgeist entsprechend eine ehemals elegant baulich geschlossene und funktional durchmischte Stadtstruktur in ein unansehnliches und unwirtliches Konglomerat monofunktionaler Inseln zu verwandeln, die dank gigantischer Verkehrsdurchbrüche unablässig vom Fahrzeugstrom umspült werden.“

Abriss als Vergangenheitsbewältigung?

Die Gründlichkeit, mit der vielerorts der Abriss betrieben wurde, wird auch als Versuch der Vergangenheitsbewältigung gedeutet, der oft aus schlechtem Gewissen geschah. An die Stelle der nicht erfolgten Entnazifizierung in Politik und Verwaltung wird ein Bedürfnis nach einer „städtebaulichen Entnazifizierung“ festgestellt, das sich nicht allein auf die Bauten der Nazis bezog, sondern auch besondere Erinnerungsorte mit einschloss.

Auch „blinde Fortschrittsgläubigkeit“ sowie der „Repräsentationsehrgeiz der öffentlichen Institutionen, das Profitstreben der privaten Spekulanten und die Selbstverwirklichung dubioser Architekten“ werden zur Begründung des rigorosen Abrisses herangezogen. 

Für die Hagener Nachkriegsgeschichte sind solche Zusammenhänge nicht aufgearbeitet worden.

Die Stadthalle „Auf der Springe“ – Zustand vor der Zerstörung (erbaut 1923).   

Die Stadthalle: Im Krieg beschädigt, doch danach weiterhin benutzt   

Abriss 1951 – Existenz: 28 Jahre.

Das Hagener Nachkriegsrathaus – Symbol der stolzen aufstrebenden Stahlstadt. Erbaut 1965, Abriss 2001, nach nur 36 Jahren.

Das Hagener Sparkassenhochhaus – im Volksmund „Der lange Eugen“ – war das von Weitem sichtbares Stadtemblem und prägte das Stadtbild- 1975 bis 2001- nur 26 Jahre lang

Gebäude als Erinnerungsorte

In dauerhafter Erinnerung sind vielen Hagenerinnen und Hagenern Bilder von der alten Stadthalle, dem Abriss des alten und neueren Rathauses sowie der bundesweit beachteten spektakulären Sprengung des Sparkassenhochhauses mitten in einer Stadt.

Allen drei Beispielen ist gemeinsam: Es sind Hagener Gebäude, die das Stadtbild prägten, im Alltagsleben aller Menschen eine große Rolle gespielt haben und damit zur Identifikation mit der Stadt beitrugen. Alle waren aufwendig geplant und mit hohen symbolischen Erwartungen ausgestattet. Ihre reale Existenz aber war jeweils nur von kurzer Dauer – und sie alle konnten nur mit hohem physischem Aufwand zerstört werden.

Wann empfinden wir eine Stadt als schön?

Städte sind lebendig! Gesellschaftliche Veränderungen werden im Stadtbild schnell sichtbar. Bedeutsame Plätze und Gebäude dagegen sind das zeitüberdauernde „Gedächtnis der Stadt“. 

Charakter hat die Stadt, die den unterschiedlichen hier lebenden Menschen vielfältige Anknüpfungspunkte für Erinnerungen, für Gefühle von Heimat und Zugehörigkeit und passende Angebote für Aufenthalt und Nutzung machen kann.

Dagegen erscheint ein Stadtraum, der nur vom „Zeitgeist“ einer bestimmten Epoche dominiert wird, schnell als langweilig, charakter- und leblos.

Kleine Eingriffe – Große Auswirkungen

Neben den großen spektakulären Abrissen haben auch die kleineren Eingriffe in die Gebäudestruktur bemerkenswerte Auswirkungen auf die Lebensverhältnisse. 

Beispiel 1: Die letzte Kneipe im Stadtteil

Die einzige große Protestveranstaltung im beschaulichen Hagener Stadtteil Emst fand 2013 statt, um den Abriss der letzten liebgewonnenen Kneipe zu verhindern. 300 Menschen artikulierten ihren Unmut gegenüber der Absicht des Hagener Wohnungsvereins, dort einen öden Garagenkomplex hinzusetzen. Umsonst! Fünfzig mehr oder weniger formschöne Garagen zieren nun diesen Ort.

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Protestveranstaltung 2013 gegen Schließung und Abriss der letzten Stadtteilkneipe: 300 Bürgerinnen und Bürger kämpften – vergebens – für einen Lielingsort.

An der Stelle der abgerissenen Kneipe entstand ein Garagenkomplex mit 50 Stellplätzen 

Beispiel 2: Hagen-Wehringhausen – „Block 1“ muss weg!

Für einen ausgiebigen Spaziergang durch den Hagener Stadtteil Wehringhausen bietet sich eindrucksvolle Broschüre aus dem Jahr 2007 an: „Hagener Architektur- und Kulturwege durch Wehringhausen“.

Folgt man den darin beschriebenen Rundwegen, taucht man tief ein in die Geschichte des Deutschen Kaiserreiches, in die Zeit der industriellen Revolution mit dem Erstarken des lohnabhängigen Proletariats und des gehobenen städtischen Bürgertums.

Die Dreiteilung des 1876 eingemeindeten Stadtteils Wehringhausen ist die Matrix für die soziale Struktur der Gesellschaft jener Zeit und bildet sich ab in der Art und Weise des Bauens, Wohnens und Lebens. Das obere Wehringhausen bis hoch zum Stadtpark gehört dem gehobenen Bürgertum und im mittleren wohnt die Beamtenschicht. Im unteren Wehringhausen entstehen in Reichweite der industriellen Produktionsstätten Arbeiterwohnungen in großer Zahl.Bereits 1889 fällt der Entschluss, in Wehringhausen eine entsprechende Baugenossenschaft zu gründen. Am 2. Juli 1889 kommt es zur Gründung des „Spar- und Bauvereins“. Dessen Förderer, die Fabrikanten Ewald Eicken und Gustav Tesche, werden so zu Namensgebern für die Gustavstraße und die Ewaldstraße, die den heutigen sogenannten Block 1 einrahmen.

Typische Gründerzeitfassaden im „Block 1“ in Hagen-Wehringhausen: Jedes Haus entstand als individueller Entwurf, um den malerischen Eindruck vielfältiger Einzelhäuser zu erzielen.

Ab 1899 entsteht dort ein ganz frühes Beispiel des sozialen Wohnungsbaus:

„Der gesamte Block war im Besitz eines Eigentümers (der Wohnungsbaugenossenschaft Spar- und Bauverein) … Besonders bemerkenswert ist dabei, dass trotzdem jedes Haus als individueller Entwurf entstand, wohl um im Straßenbild den von der Gründerzeit bekannten malerischen Eindruck von vielfältigen Einzelhäusern fortzuführen.“

Der hier zitierte Wissenschaftler attestiert dem Gebäudekomplex aus heutiger Sicht eine „herausragende Stellung … in der Geschichte des Reformblocks. Er ist als beispielhafte Darstellung einer für Deutschland typischen Entwicklung des sozialen Wohnungsbaus, die sonst an keiner Stelle so didaktisch zusammensteht, unbedingt erhaltenswert.“Auf unserem Spazierweg dorthin folgen wir dem Rundweg 2 in unserem Architekturführer. Wir sind am Standort 25 angekommen, der „ Block 1“ und später - sprachlich optimiert -  „Terra 1“ genannt wird – und können nur noch die Überreste des einstigen Gründerzeitquartiers bestaunen. Trotz intensiver Bemühungen und der bereits zitierten wissenschaftlichen Expertise, die sich dringend gegen den geplanten Abriss aussprach, konnte dieser nicht verhindert werden.

Abriss des „Block 1“ in Hagen-Wehringhausen: Das frühe Beispiel des sozialen Wohnungsbaus von 1899 wurde trotz wissenschaftlicher Schutzempfehlungen 2019 abgebrochen.   Foto: Kleinrensing

Zunächst waren vom Investor – der GWG Hagen, interessanterweise die Rechtsnachfolgerin des Spar- und Bauvereins als Erbauer von 1899 – und der Stadtverwaltung geplant, an dieser Stelle eine Kindertagesstätte und einen Lebensmittelsupermarkt zu errichten. Erst als dies aus rechtlichen Gründen nicht durchführbar war, entstand der Plan, dort eine Grundschule und eine Kita zu errichten. Auf Grund der Zusage an die Wehringhauser Bürgerinnen, bei der Gestaltung des nun plötzlich „Bildungsquartier“ genannten Komplexes mitwirken zu können, wurde vom Investor großzügig die Mitsprache bei der Farbgestaltung der Außenfassade eingeräumt! 

Ein Blick in die Zukunft!

Es ist beschlossene Sache! Ab 2027 soll die Altenhagener Hochbrücke abgerissen werden. Der Verein „Grüne Brücke Hagen“ hatte sich sehr dafür eingesetzt, die Brücke in einen „Park für Fußgänger und Radfahrer“ zu verwandeln.

Allerdings hängt das Schicksal des gewaltigen Bauwerks vor allem am Geld: Allein für den langfristigen Umbau des gesamten Kreuzungsbereichs plant die Stadt Hagen nach eigenen Angaben mindestens 67 Millionen Euro ein; frühere Schätzungen für eine vollständige Erneuerung der „Ebene 2“ waren sogar von einem dreistelligen Millionenbetrag ausgegangen.

Allein für die Neugestaltung des Kreuzungsbereichs geht die Stadtverwaltung hier von einem Langzeitprojekt von rund zehn Jahren aus.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieser Geschichte: Ausgerechnet jenes Bauwerk, das in den 1960er und 1970er Jahren für die autogerechte Stadt stand, soll nun dem Wandel weichen – und auch dieses Mal bestimmen die Fragen nach der Regelung des massiven Autoverkehrsaufkommens die aktuellen Planungsdebatten. Die Fragen nach einer ökologischen und  sozial wünschenswerten zukunftsorientierten Stadt- und Quartiersentwicklung bleiben im Hintergrund. 

Die Altenhagener Hochbrücke (Ebene 2): seit August 2024 für den Verkehr gesperrt, ab 2027 soll der Abriss beginnen.   Foto: Greenbridgehagen

Visualisierung der Idee „Grüne Brücke“: ein Park für Fußgänger und Radfahrer.  Foto: Greenbridgehagen

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